• Home
  • Blog - Beitrag

Dé­jà-vu und Erneuerung - Ein Gespräch mit Birgit Jakobiedess

06.08.2018 21:22 von Johannes Menze (Kommentare: 0)

Birgit gehört zu den Gründerinnen von Ora&Labora. Ein Blick zurück und eine Bilanz.  Birgit, der Gründungsaugenblick von Ora&Labora: Eher ein Funke, der das Ideen-Pulverfass zündete, oder ein Tropfen, der das Wasserfass zum Überlaufen brachte?

Naja, das wussten wir damals 1994 gar nicht so genau. Das war aber auch nicht wichtig. Der Himmel war ähnlich blau wie in diesem Jahr und wir waren auch ähnlich alt wie die JugeNDlichen/jungen Erwachsenen heute bei Ora. Vielleicht ein kleines bisschen älter. Wir hatten eine Idee und hofften einfach, dass wir das irgendwie hinkriegen. Die Burg war gefühlt „unsere“. Für ihre Erhaltung eine gute Woche ehrenamtlich zu arbeiten, war unsere Idee. Wie das so genau gehen sollte, wussten wir nicht. Woher das Geld für das Material kommt? Wer noch mitmacht? Ob wir das technisch schaffen, was wir uns vorgenommen hatten? Wie das „Ora“ von Ora et Labora genau aussehen könnte?

Rückblickend muss ich sagen, dass das auch gut so war. Manchmal muss man einfach loslegen und nicht erst alle Probleme lösen. Das fällt Jüngeren oft leichter als später im Leben. Wenn ich die JugeNDlichen in den letzten Tagen auf der Burg loslegen sehe, ist das ähnlich. Total viel Elan und Zuversicht. Nicht kopflos, aber halt auch nicht völlig verkopft. Toll.

Was mir nicht ganz so leicht fällt, ist der damit verbundene Generationswechsel. Nicht, dass ich mich nicht freue, dass es weiter geht. Ganz im Gegenteil! Nur die Erkenntnis, dass ich jetzt selbst zu der älteren Generation gehöre, fühlt sich nicht ganz so toll an. Im Gründungsjahr sind auch schon ein paar ältere ND dazu gestoßen. Lustigerweise hatten die meisten Doppelnamen – Hermann-Josef, Franz-Josef, Karl-Friedrich … Da waren sehr wichtige Menschen für O&L. Günther Knecht, zum Beispiel. Er kannte sich mit Beton, Mörtel, Mauern und solchen Sachen aus. Er hat uns hier viel beigebracht. Dabei hat er sich sicherlich das ein oder andere Mal auf die Zunge gebissen, um unsere Ideen und Vorstellungen nicht in seinem Wissen und seiner Erfahrung zu ersticken. So gab es viele – Elisabeth Thiesen, Wolfgang Heitkamp oder Friedhelm Haack, Hans Weyer, um nur noch ein paar zu nennen. Ich hoffe, dass uns das heute genauso gelingt. Begleiten, aber nicht übernehmen. Helfen, aber nicht regeln.

Netterweise gibt es aber nicht nur beim Wetter und dem Zusammenspiel der Teilnehmenden ein Déjà vu, sondern auch bei dem einen oder anderen Projekt. Ich erinnere mich noch gut, als wir in die Ecke hinten links im Burghof eine Treppe hoch zum Grillplatz gebaut haben. Da war plötzlich ein richtig großer Holunderbaum in der Ecke, den beim Vorbereitungstreffen keiner gesehen hatte. An die Stelle kommt dieses Jahr ein gewendelte Rutsche. Lustigerweise mussten genau von diesem Holunderbusch noch der Stumpf und die Wurzeln entfernt werden. Hatte bei der Planung wieder keiner gesehen.

Neben Wiederholung gibt es aber auch viel Kontinuum. Manche Teilnehmende sind quasi von Anfang an dabei und machen unauffällig, aber verlässlich ihre Aufgabe. Anmeldelisten von Michael Schler gehören genauso dazu wie Bernhard Heckenbücker, der mittlerweile beim Denkmalschutz, der Baubehörde und im ND für die Neuerburg steht, wie kein anderer.

 

Jetzt haben wir viel von Deja vu und Kontinuität gehört – was ist denn mit Innovation?

Für mich gehört das zusammen wie eins – ohne Innovation gibt es keine Kontinuität und keine Erhaltung. Es sind die vielen kleinen Veränderungen, die man immer wieder vornehmen muss, damit es passt. Was ein Mal gut und richtig war, hält nicht für die Ewigkeit. Und wir haben auch schon beim dem ein oder anderen Projekt Lehrgeld bezahlt. Dimensionen der Burg oder des Eifeler Wetters unterschätzt. Ich erinnere mich da nur an ein riesiges Sonnensegel auf der 1. Ebene, wo heute ein Spielgerüst steht. Wind hat viel Kraft, zu viel Kraft …

Innovation hat übrigens auch viel mit Wissen, Verstehen und Erfahrung zu tun. Wenn ich gewisse Grundlagen der Bautechnik nicht verstehe, ist die Grenze zwischen Innovation und einer spinnerten Idee ein schmaler Grat. Wer hier ein paar Mal mitgemacht hat, der weiß, wie man eine Bohrmaschine hält, eine Kreissäge bedient oder eine Lampe anschließt. Dieses Wissen gibt Raum, sich etwas zuzutrauen und neue Wege zu beschreiten. Eine Idee zu verwirklichen. Ist das nicht genau die Grundlage von nachhaltigen Innovation?

 

Was hat Dich dieses Jahr überrascht?

Überrascht ist vielleicht nicht das richtige Wort, sondern begeistert. Ich war letztes Jahr nicht da und habe insofern die JugeNDlichen / jungen Erwachsenen von ihrer ersten Teilnahme bei O&L und heute vor Augen. Unglaublich, was sich da in zwei Jahren getan hat. Eine tolle Gruppe, die viel Spaß miteinander hat und füreinander sorgt, waren sie von Anfang an.  Jetzt sind sie zum einen reifer, zum anderen merkt man aber, dass sie sich die Burg „zu eigen“ gemacht haben. Angefangen hat das vor zwei Jahren mit „ihrem“ Discokeller. Jetzt hat sich das auf die ganze Burg erstreckt. Helena oder Fabian leiten eigene Projekt an, andere übernehmen in Projekten eine tragende Rolle. Die Gemeinschaft ist herausragend und sie ist inklusiv, wie man heute sagt. Sie erstreckt sich über die Generationen hinweg, zu den jüngeren und zu den älteren. Ganz selbstverständlich.

Wie hat sich über die Jahre hin der Ora-Part entwickelt?

Ora war von Anfang an dabei, aber mit einigen Anlaufschwierigkeiten. Die Struktur hat sich nicht geändert – Morgenlob und Abendlob, Tischgebet und gemeinsame Gottesdienste. Aber die Qualität und die Leichtigkeit haben über die Jahre eine sehr positive Entwicklung genommen. In den ersten Jahren haben wir Ora noch komplett aus der Gruppe heraus vorbereitet. Das war nicht einfach und auch manchmal inhaltlich ziemlich dünn. Heute gibt Ora der Woche ihr Motto und die anstehenden Projekte dienen als gedankliche Anregung. Heribert gelingt es, obwohl er der älteste Teilnehmer ist, ein modernes Ora mit der Gruppe zu gestalten. Zwei Begebenheit illustrieren, was ich meine: Ein Jahr haben wir Gottesdienst oben am Lagerfeuer gefeiert. Die halben Baumstämme, die als Bänke dienen, standen sehr eng zusammen, weil es leicht nieselte. Als Heribert zur Gabenbereitung sagte „Erhebet die Herzen“, versuchten wir aufzustehen. Wegen der Enge, der schweren Bänken und der Stützen der Grillhütte, war das aber nicht einfach und es entstand ein kleines Durcheinander. Heribert macht dem kurzerhand ein Ende, indem er sagt „Die Herzen, nicht die Hintern“ und dann ungerührt mit dem Gottesdienst fortfuhr.

Ähnlich war es beim Morgenlob, als eine Leiter in der Kapelle vor dem Altar stand. Ich dachte, sie wäre von irgendeinem Projekt dort stehen geblieben. Aber Heribert stieg die Leiter empor und erzählte vom Turmbau zu Babel. Unser Streben nach höher, größer und mehr, lässt uns heute noch genauso das Wesentliche übersehen wie damals die Babylonier. Unsere babylonischen Sprachen heute sind die Worthülsen, das politische Gerede und die populistischen Tiraden.

Mit Leichtigkeit meine ich insbesondere die Musik. Für mich ist Musik ein sehr zentraler Bestandteil des Gebets. Klavier- und Gitarrenbegleitung sowie einige sichere Sänger*innen in der Gruppe, geben den Ton an. Das macht es allen leichter, ihre Stimme zu erheben und Gott in der Musik zu loben.

 

Und welche Rolle spielt O&L und die Neuerburg heute im ND?

Das ist für mich schwer abzuschätzen. „Den ND“ gibt es ja eigentlich nicht, sondern es gibt die Menschen im ND. Und so vielfältig Menschen sind, so vielfältig ist sicherlich auch der Blick auf O&L und die Neuerburg. Von „kenn‘ ich nicht“ bis „ja, das ist super - das ist, warum ich im ND zu Hause bin“ gibt es alle Schattierungen. Der ND feiert nächstes Jahr sein 100jähriges Bestehen. O&L findet nächstes Jahr das 25. Mal statt. Beides Zahlen, auf die man stolz sein kann. Zukunft, die man gestalten muss. Sie findet nicht von alleine statt.

Auf der anderen Seite, die Neuerburg gibt es seit über 1.100 Jahren. Seit 1.100 Jahren bietet sie sich Menschen an, Heimat zu sein. Bietet Raum zum Gestalten und gestaltet so Gemeinschaft derer, die dort zusammenkommen. Das ist für mich die wichtigste Aufgabe, die Neuerburg hat:  Raum für Gemeinschaft zu bieten. Und dieser Aufgabe kommt sie hervorragend nach.

Der ND sucht gerade nach Antworten, wie er Kontinuität und Veränderung in Einklang bringen will. O&L ist einer der Orte, wo Zukunft stattfindet. Knapp 50 Teilnehmer, die Jüngste 9 Jahre alt, der Älteste 87. Mehr als die Hälfte sind unter 25. Solche Orte braucht der ND. Als Beispiel, dass es gelingen kann, Zukunft zu gestalten. Dinge auszuprobieren und neue Wege zu gehen.

Damit schließt sich ein bisschen der Kreis, zu dem wie es angefangen hat. Es geht um eine Idee und den Mut, einfach mal loszulegen. Ohne, dass alles klar ist. Ohne, dass man weiß, ob es gelingen wird. Aber mit viel Vertrauen – Gottvertrauen. Denn er trägt uns.

Zurück

Einen Kommentar schreiben

ora & labora Blog

24.08.2018 20:20

Das Drei-Generationen-Projekt

Ein Familieninterview mit Antje, Christel, Götz, Hilke, Jakob, Manfred, Muriel, Nele und Tobias.

Weiterlesen …

20.08.2018 09:35

"Eine Ahnung vom Reich Gottes"

Sicherlich, das Leben ist eine Baustelle. Und wie steht es um das Leben auf der Baustelle?

Weiterlesen …